Jeder Kurs, den wir sehen, ist das verdichtete Ergebnis von Millionen Einschätzungen, Analysen und Kapitalströmen weltweit – eine Art Schwarmintelligenz der globalen Kapitalmärkte. Wer glaubt, es regelmäßig besser zu wissen als diese Summe an Information, wettet gegen sie. Genau hier setzt die Verhaltensökonomie an, wenn sie nach den Ursachen für enttäuschende Anlageergebnisse fragt – und wird häufig fündig: bei der Selbstüberschätzung.
Was die Forschung zeigt
Die inzwischen klassische Studie „Boys Will Be Boys“ von Brad Barber und Terrance Odean, erschienen 2001 im renommierten Quarterly Journal of Economics, hat dieses Phänomen mit Daten von über 35.000 Depots eines großen US-Discount-Brokers sauber gemessen. Das zentrale Ergebnis: Männer handelten 45 Prozent häufiger als Frauen. Die Folge dieses häufigeren Handelns war eine spürbar geringere Nettorendite – das Handeln schmälerte die Nettorendite der Männer um 2,65 Prozentpunkte pro Jahr, verglichen mit 1,72 Prozentpunkten bei Frauen. Die Differenz von knapp einem Prozentpunkt lässt sich also direkt auf das übermäßige Handeln zurückführen.
Bemerkenswert ist die Erklärung der Autoren: Es liegt nicht an mangelnder fachlicher Kompetenz. Das häufigere Handelsmuster wird auf ein zu großes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückgeführt – wer fest an die eigene Markteinschätzung glaubt, handelt tendenziell öfter. Bei Singles zeigt sich der Effekt noch deutlicher: Hier traden Männer 67 Prozent häufiger und erzielen dabei eine um 2,3 Prozentpunkte niedrigere Rendite als alleinstehende Frauen.
Die Logik dahinter
Das Muster ist einfach nachzuvollziehen: Je größer die Selbstüberschätzung der eigenen Prognosefähigkeit, desto höher die Handelsaktivität – und desto kleiner am Ende der tatsächliche Anlageerfolg. Wer glaubt, den richtigen Ein- oder Ausstiegszeitpunkt zuverlässig erkennen zu können, handelt öfter, zahlt mehr Transaktionskosten, trifft häufiger Fehlentscheidungen unter emotionalem Druck – und schneidet am Ende schlechter ab als jemand, der einer klaren Strategie treu bleibt.
Was hilft: Struktur statt Meinung
Für die Praxis bedeutet das: Regeln statt spontaner Einschätzungen, Struktur statt Markttiming, und – vielleicht am wichtigsten – die Bereitschaft, nichts zu tun, wenn nichts zu tun ist. Gerade in unruhigen Marktphasen ist das die anspruchsvollste Übung überhaupt, weil sie dem natürlichen Impuls widerspricht, aktiv zu handeln.
Lesetipp für alle, die tiefer einsteigen möchten
Wer sich mit diesen Denkfehlern und ihrer praktischen Bedeutung für die eigene Geldanlage ausführlicher beschäftigen möchte, dem sei das im April 2026 im Campus Verlag erschienene Buch „Stecknadel oder Heuhaufen. Einfach investieren in einer unübersichtlichen Welt“ von Simon Buck empfohlen. Der unabhängige Honorarberater zeigt darin unter anderem, wie die Verhaltensökonomie vor typischen Denkfehlern schützt, wie Risiken klug eingeschätzt und Informationen souverän bewertet werden können und welche Anlagestrategien wirklich für Rendite sorgen. Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen Illustrationen von Anatolij Pickmann, die die Inhalte anschaulich aufbereiten – laut Verlag sind mehr als 130 Illustrationen entstanden, von denen rund 100 im Buch zu finden sind. Das Buch ist mittlerweile auch über den Apple Bookstore erhältlich.
FAZIT
Demut vor dem Wissen der Märkte ist keine Schwäche, sondern eine der wirkungsvollsten Anlagestrategien überhaupt. Wer diszipliniert an einer durchdachten Strategie festhält, statt der eigenen Prognose zu vertrauen, ist den Zahlen nach im Vorteil.
Quellen
Barber, B. M. / Odean, T. (2001): Boys Will Be Boys: Gender, Overconfidence, and Common Stock Investment. Quarterly Journal of Economics, 116(1), 261–292.
Buck, S. (2026): Stecknadel oder Heuhaufen. Einfach investieren in einer unübersichtlichen Welt. Campus Verlag.
Erstellt mit Claude.
